Wir freuen uns, dass Eisenach zur Modellstadt des Projektes „Handlungs­leitfaden für Fußverkehrsstrategien (FVS)“ ausgewählt wurde und bieten hiermit erste Informationen zur Stadt:

sowie zu den durchgeführten und geplanten Projektaktivitäten:

Das Projekt zielt darauf ab, fußverkehrsrelevante Fragestellungen zu ermitteln und die Stadt damit in ihrem Vorhaben zu unterstützen, den noch gültigen Verkehrsentwicklungsplan aus dem Jahre 1994 bis zum Jahr 2018 neu aufzustellen.(1) Da 2017 der 117. Deutsche Wandertag in Eisenach stattfindet, soll dieser Anlass dafür genutzt werden, darauf aufmerksam zu machen: Die Stadt wird als Ausgangspunkt für Wanderungen, zum Flanieren in der Innenstadt und auch durch Alltags-Fußverkehr genutzt. 2018 soll erstmalig der Modal Split erhoben werden.(2)

Kurzvorstellung der Stadt Eisenach

Karlsplatz (FUSS e.V., Herzog-Schlagk)

Die Stadt Eisenach hat etwa 43.000 Einwohnerinnen und Einwohner und befindet sich ganz im Westen von Thüringen und damit in deutscher Mittellage. Gründungsgrund für die Stadt Eisenach waren nicht die Nähe an einem Fluss, die Hörsel ist als Nebenfluss der Werra eher unbedeutend, sondern das Zusammentreffen zweier Straßen. Die „Hohastrazza“ (interessanterweise auch „Diebestieg“ genannt) etwa im Verlauf der heutigen Bundesstraße B84 stieß vom Süden kommend auf die „via regia lusatie (die „Königsstraße“) von Flandern bis zur Ukraine etwa im Verlauf der heutigen Bundesstraße B7. Selbstverständlich war auch die Schutzwirkung durch die Wartburg eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich die Stadt um ca. 1150 als Marktsiedlung herausbildete, aber die überregionalen Straßenverbindungen waren für die Stadt von Anfang an prägend.(3)

Und Eisenach ist historisch nicht nur eine Straßen-, sondern auch eine Autostadt. Dies muss bei der Thematisierung des Fußverkehrs zumindest mitgedacht werden:
Bereits 1896 wurde die Fahrzeugfabrik gegründet, in der in den ersten Jahren schwerpunktmäßig militärische Fahrzeuge und z.B. das „Wartburg-Rad“ gebaut wurden. Die Produktion der legendären „Dixi-Automobile“ (Pkw´s und Lkw`s) beschäftigte schon Anfang des 20. Jahrhunderts 1000 Menschen, ohne die zahlreichen Zulieferbetriebe. (4) Ab 1955 wurden die Fahrzeuge wieder unter dem traditionellen Namen „Wartburg“ produziert (5) und in den besten Jahren beschäftigten die VEB Automobilwerke Eisenach bis zu 100.000 Menschen (6). Die Werke wurde 1991 geschlossen und in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger blieben sicher nicht die militärischen Aspekte oder die menschenfeindlichen Machenschaften der Firma BMW zwischen 1933 und 1945, sondern die vielen Arbeitsplätze. Heute baut das Adam Opel AG Werk Eisenach noch Kleinwagenmodelle und die ca. 1.800 Arbeitsplätze gelten als bedroht. Das Museum „Automobile Welt Eisenach“ ist ein touristischer Anziehungspunkt.(5)

Eisenach ist eine historische Fremdenverkehrsstadt, selbstverständlich im Zusammenhang mit der Wartburg. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab es die ersten gedruckten Reiseführer für und Fremdenführer in der Stadt (S. 74), zeitgleich wurde Eisenach ans Bahnnetz angeschlossen. (7) Obwohl Eisenach ein führender Ort mit „Tagungstourismus“ war (Parteitage, Burschenschaften, Industrie, etc.) und noch heute ist, gelang der Stadt keine langfristige Verankerung als ein hochrangiges Kurbad (8). 1968 wurde Eisenach der Status als staatlich anerkannter Erholungsort zuerkannt, der „wegen der zunehmenden Umweltbelastung der Luft“ 1985 wieder aberkannt wurde.(9) Dennoch verzeichnete die Stadt z.B. schon 1928/29 über 100.000 Übernachtungen.(10) Auch heute stellt der Tourismus einen wirtschaftlichen Grundpfeiler dar und dies zeigt sich auch im Straßenbild.

Mobilitäts-Konzepte für Eisenach

Katharinenstraße nach dem Umbau (FUSS e.V., Herzog-Schlagk)

Eisenach war unter den vergleichbaren Städten in Deutschland die erste Stadt, die über ein eigenes Elektrizitätswerk verfügte und 1897 fuhr die erste elektrische Straßenbahn. Sie wurde 1975 abgeschafft (11) und dies war aus heutiger Sicht sicher keine kluge verkehrspolitische Entscheidung.

Dagegen ist der Verkehrsentwicklungsplan VEP aus dem Jahre 1994 (1) durchaus aus der Fußverkehrssicht eine brauchbare Vorlage, auf die eine Weiterentwicklung aufbauen kann. Die Analyse trifft auch heute noch weitgehend zu: „Die kompakte Stadtstruktur ermöglicht kurze Wege. Wohl deswegen sind in Eisenach sowohl in der Stadtmitte als auch in der gesamten Innenstadt überdurchschnittlich viele Fußgänger festzustellen, obwohl die baulichen und verkehrlichen Bedingungen für Fußgänger objektiv schlecht sind.“(12) „Die Umwegempfindlichkeit dieser Verkehrsarten, ihre Komfortansprüche und die flächige Verteilung der Fußgänger- und Radfahrerziele erfordert flächendeckende, komfortable Netze ohne Lücken. Auf allen Straßenkategorien muss im Detail der Fußgänger- und Radverkehr besonders berücksichtigt werden.“(13) Die konkret damals vorgeschlagenen „Hauptfußgängerverbindungen“ sind nicht immer im Detail nachvollziehbar und sollten noch einmal insbesondere hinsichtlich der touristischen Ziele überprüft werden.(14)

Die beiden herausragenden Empfehlungen als „Maßnahmen des ersten Schrittes“ sind in der Zwischenzeit umgesetzt oder etwas ins Stocken geraten:
- „Die bedeutendste Maßnahme für Fußgänger und Radfahrer ist die Ausweisung von möglichst großen Tempo-30-Zonen“. Die verkehrsberuhigten Bereiche sind zwar relativ kleinteilig, aber die zulässige Höchstgeschwindigkeit ist recht großflächig auf 30 km/h festgelegt worden.
- „Mit Planung und Bau einer durchgehenden Fuß- und Radverbindung entlang der Hörsel sollte ebenfalls bald begonnen werden.“(15) Diese Verbindung ist noch immer ziemlich lückenhaft und zugegebenermaßen ist die Hörsel auch ein wenig abseits vom Innenstadtgeschehen.

Der im Jahr 2002 beschlossene Verkehrsentwicklungsplan Innenstadt zeigt die Probleme bei der Umsetzung des VEP 1994 auf, benennt aber auch ganz konkret die anstehenden Aufgabenlösungen:
„- Zugänge von Nord in die Innenstadt unattraktiv (Unterführung unter der Bahn), gravierender Mangel
- Verbindung zum Bahnhof und zum ZOB schlecht, gravierender Mangel
- zu schmale Gehwege in Untere Predigergasse, Alexanderstraße, Goldschmiedenstraße und Schmelzerstraße,
- Fußgängerzone ermöglicht keine 'Rundgänge',
- Karlsplatz, Frauenplan und Johannisplatz mit geringer Aufenthaltsqualität,
- lange Wartezeiten an LSA-geregelten Knoten.“(16)

Die zur Verfügung gestellten Karten zeigen zwar die notwendigen Maßnahmen für den Radverkehr auf (fehlende Radwege, schlechte Querungsmöglichkeiten für Radfahrer), begnügen sich beim Fußverkehr aber weitgehend auf die Darstellung der vorhandenen Fußgängerzone.(17) Insofern bietet der VEP-Innenstadt nur bedingt Lösungsansätze für die Förderung des Fußverkehrs.

Interessant ist darüber hinaus der Plan eines barrierefreien Rundweges in der Innenstadt, der zwar als Entwurf vorliegt, aber bisher offensichtlich nicht umgesetzt wurde.(18) Dabei ist zu bedenken, dass die Straßenpflasterungen häufig aus den Jahren 1784-1789 stammen.(19) Da ist es verständlich, dass mit diesen historischen Gegebenheiten behutsam umgegangen werden muss. Insofern ist es anerkennenswert, wie bisher versucht wurde, die Barrierefreiheit zumindest punktuell umzusetzen.

Projekt-Konzept für die Stadt Eisenach

Jakobstraße (FUSS e.V., Herzog-Schlagk)

Inhaltliche Schwerpunkte des Fußverkehrschecks in der Stadt Eisenach sollen nach der ersten Gesprächsrunde (PDF) im Amt für Stadtentwicklung, Abteilung Stadtplanung am 20. Januar 2017

  • der Straßenzug von der westlichen Seite des Marktplatzes über die Fußgängerzone Jakobstraße zu den nördlichen Wohngebieten und damit hauptsächlich ein Alltagsweg der Einwohner der Stadt oder
  • der Straßenzug etwa vom Museum „automobile welt eisenach“ nach Süden über den Theaterplatz, das „Bachhaus“ in Richtung „Wandelhalle“ als ein Weg mit hoher touristischer Bedeutung

sein. Zu drei unterschiedlichen Routen wurden bereits Fußverkehrschecks als Mängelanalyse mit verschiedenen Lösungsansätzen und einem Fazit durchgeführt, siehe Eisenach: Drei Wege durch die Innenstadt (PDF). Eisenach könnte sich aus einer ausgeprägten Autostadt zumindest in der Innenstadt durchaus als eine Fußgängerstadt entwickeln.

Darüber hinaus wünschte sich die Stadtverwaltung,

  • das Problembewusstsein zu schärfen, dass der Fußverkehr einen bedeutenden Wert für die Stadt hat, sowie
  • ganz allgemein das Interesse für die nachhaltigen Verkehrsarten zu wecken.

Hierzu war der gesprächsfördernde Workshop: Eisenach – Wo stehen wir und wo wollen wir hin?(PDF) ein innovativer Baustein des Projektes.

Im Jahr 2017 sind weitere Schritte geplant.

Quellen:

  1. Wartburgstadt Eisenach, Stadtverwaltung, Stadtplanungsamt (Auftraggeber): Verkehrsentwicklungsplan Eisenach - Schlussbericht – VEP 1994, Planungsbüro für Städtebau, Verkehrstechnik, Architektur, Diplomingenieure Architekt Dr.-Ing. Hans-Henning von Winning und Verkehrsingenieur Edgar Streichert, München und Bochum (Auftragnehmer)
  2. Diese und weitere Informationen, die nicht als Zitat gekennzeichnet sind, wurden aus dem Bewerbungsschreiben der Stadtverwaltung vom 31.07.2016 entnommen.
  3. Reinhold Brunner: Geschichte der Stadt EISENACH, Wartburg Verlag, Gudesberg-Gleichen, 2004, S. 7-9
  4. Brunner 2004, S. 85-86
  5. Gerlinde Reh: Eisenach & Wartburg, Tourismus-Information(Hrsg.)
  6. Brunner 2004, S. 112
  7. Brunner 2004, S. 74-76
  8. Brunner 2004, S. 87-88
  9. Brunner 2004, S. 115
  10. Brunner 2004, S. 98
  11. Brunner 2004, S. 89
  12. VEP 1994, 2.4.2, S.19
  13. VEP 1994, 3.2.1, S. 39
  14. VEP 1994, 3.2.1, S. 41 und Plan 9
  15. VEP 1994, 4.1, S. 79
  16. Eisenach, Stadtverwaltung (Auftraggeber): Verkehrsentwicklungsplan Innenstadt, Baustein 1 – VEP Innenstadt 2002, Planungsbüro von Mörner + Jünger (Auftragnehmer), 6.
  17. VEP Innenstadt 2002, z.B. Plan 75, Plan 104
  18. VEP Innenstadt 2002, 5.1 Barrierefreier Rundgang, Routenführung, Vorschlag von Hans Schrön, Stadtverwaltung Eisenach, Stadtbauamt, Abt. Stadtentwicklung, SG Stadtplanung
  19. Brunner 2004, S. 51