Wir freuen uns, dass Jena zur Modellstadt des Projektes „Handlungsleitfaden für Fußverkehrsstrategien (FVS)“ ausgewählt wurde und bieten hiermit erste Informationen zur Stadt:

sowie zu den durchgeführten und geplanten Projektaktivitäten:

Das Projekt bezieht sich in seiner Zielsetzung auf den noch gültigen Verkehrsentwicklungsplan aus dem Jahre 2002 (1) und verfolgt als Teilziel, die Aspekte des Zu-Fuß-Gehens in diesem Sinne zu konkretisieren. Es möchte sich einbringen in die laufende Diskussion zur Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplanes (2) und zu den Leitlinien der zukünftigen Mobilität in Jena, die zurzeit erst im Entwurf vorliegen.(3)

Kurzvorstellung der Stadt Jena

FUSS e.V., Herzog-Schlagk

Die Stadt führt den Untertitel „Lichtstadt“ und liegt im „Grünen Herzen“ Deutschlands im landschaftlich reizvollen Saaletal in Thüringen. Sie hat derzeit mit ihren 34 Ortsteilen insgesamt 107.000 Einwohnerinnen und Einwohner, mit einem steigenden Trend. Auffallend ist, dass insbesondere die Zahl der über 75-jährigen Menschen bis 2030 um ein Drittel ansteigt und sich die Zahl der über 85-Jährigen sogar verdoppeln wird. Und dennoch ist Jena eine junge Stadt: An der ältesten Universität, der Friedrich-Schiller-Universität, sind derzeit 18.400 Studenten eingeschrieben, dazu kommen 4.700 Studenten der Ernst-Abbe-Hochschule. Darüber hinaus beherbergt die Stadt z.B. mit der Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft sowie der Leibniz-Gemeinschaft zahlreiche Institute und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.

Jena ist durch die Bundesstraßen B7 und B88 an das überregionale Straßennetz angeschlossen; die Trassen sind allerdings gleichzeitig eine Herausforderung für die Wegeführungen der anderen Verkehrsarten im Stadtbereich. Für die etwa 25.000 Ein- und10.000 Auspendler werden in Zukunft noch bessere Verbindungen im Schienenpersonennahverkehr über die vier innerstädtischen Haltepunkte durch den Ersatz der IC/ICE- durch RE-Anbindungen entstehen. Das Liniennetz des städtischen Verkehrsunternehmens ist mit 5 Straßenbahn- und 11 Buslinien hervorragend ausgebaut (Modalsplit 2013: 19 % ÖPV). In Jena treffen fünf Fernradwege aufeinander, denen in den vergangenen Jahre besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde (Modalsplit 2013: 9 % Fahrrad). Die Anbindung der regionalen Wanderwege wurde in den bisherigen Konzeptionen nicht besonders hervorgehoben, es wurden allerdings in den vergangenen Jahren vor allem entlang der Saale mehrere Fußwege umgestaltet und so attraktive Aufenthaltsbereiche geschaffen.

Mobilitäts-Konzepte für Jena

FUSS e.V., Herzog-Schlagk

„Die Stadt Jena verfügt über umfassende Strategien und Konzepte zur Stadtentwicklung und -gestaltung, zur Verkehrsentwicklung sowie zu Umweltfragen. Inhalt all dieser Planungen ist die Verbesserung der Lebensbedingungen durch die Förderung umweltfreundlicher Mobilität. Der Verkehrsentwicklungsplan (VEP) 1993 räumte dem Fußverkehr im Zielkonzept zwar eine hohe Bedeutung ein, es erfolgte jedoch auf dieser Bearbeitungsebene keine detaillierte Behandlung. Auch der VEP 2002 geht über eine auf das innerstädtische Bundesstraßennetz beschränkte Mängelanalyse (fehlende Fußwege) nicht hinaus…(1). Eine detaillierte, auf die Belange des Fußverkehrs bezogene Untersuchung können auf Grund der Themensetzung auch [die Stadtentwicklungskonzepte Nord, Ost und West/Zentrum sowie in den städtebaulichen Rahmenplänen Lobeda und Winzerla] nicht umfassend leisten.“ Jena verfügt „über kein geschlossenes Fußgängerkonzept.“(4)

Die Leitlinien für die zukünftige Mobilität in Jena, die zurzeit erst im Entwurf vorliegen,(3) beinhalten für den Fußverkehr konzeptionellen Handlungsbedarf und zeigen im Wesentlichen bereits die Kernbereiche für Struktur- und Service-Maßnahmen auf. Zu nennen sind hier insbesondere

  • die „Verminderung der Trennwirkung durch Infrastruktur im Stadtraum“,
  • eine „städtebaulich verträgliche und umfeldgerechte Gestaltung von Hauptverkehrsstraßen…“,
  • die „Ermöglichung einer eigenständigen, sicheren, barrierefreien und kostengünstigen Mobilität für alle“,
  • eine „systematische Förderung der Nahmobilität durch Schaffung eines zusammenhängenden Netzes von sicheren, umweg- und wartezeitarmen, komfortablen und barrrierefreien Wegen im Fuß- und Radverkehr unter besonderer Berücksichtigung der Überquerbarkeit von Straßen, Schienenwegen und naturräumlich bedingten Zäsuren“,
  • eine „flächenhaft wirksame Priorisierung des Fußverkehrs in der Innenstadt…“, etc. (5)

Im Abschnitt „Strategien zur Mobilitätsentwicklung“ wird festgestellt: „Der Fußverkehr ist die wichtigste Verkehrsart in Jena, wenn man dessen Wegeanteil am Modalsplit betrachtet. Die Bedingungen im Fußverkehr sind allerdings derzeit in vielen Bereichen wenig förderlich. Verbesserungswürdig sind insbesondere die Nutzbarkeit von straßenbegleitenden Gehwegen und die Überquerbarkeit von stark befahrenen Straßen […] die Verkürzung von Wartezeiten an Signalanlagen sowie der Ersatz bzw. die Ergänzung von beschwerlichen, von Mobilitätsbeeinträchtigten kaum nutzbaren und teilweise sozial unsichere Unter- und Überführungen durch ebenerdige Querungsstellen…“(6)

Bereits seit längerem engagiert sich Jena für eine möglichst umweltfreundliche Abwicklung des Verkehrs. So konnte die Stadt wiederholt den European Energy Award in Gold erlangen (7), nahm am Wettbewerb „Emissionsfreie Mobilität in den Kommunen“ teil (8) und führte eine eigene Kampagne für umweltfreundliche Mobilität „Schritt für Schritt“ durch (9), die 2011 mit einem Anerkennungspreis des Thüringer Umweltministeriums gewürdigt wurde. 2014 wurde „eine Online-Befragung durchgeführt, in der auch spezielle fußverkehrsrelevante Fragestellungen enthalten waren. Zusammen mit den Ergebnissen eines durch den VCD Jena durchgeführten `Ampeltestes`(2016) des FUSS e.V. sowie der Verkehrsunfallstatistik Jena wurden in einem ersten Schritt zunächst die bestehenden Mängel erfasst…. Vor allem entlang der Saale wurden in den vergangenen Jahren mehrere Fußwege umgestaltet und so attraktive Aufenthaltsbereiche geschaffen.“

Die Stadtverwaltung möchte den vergleichbar hohen Anteil des Fußverkehrs am Modalsplit (2013: 38%) erhalten und ausbauen. Die strategische Förderung des Fußverkehrs kann noch gesteigert werden. Allerdings gibt es in der Stadt eine wachsende Kritik an der Zurückdrängung des motorisierten Individualverkehrs MIV (Modalsplit 2013: 34 %).(4) So wird in Jena auch der externe Impuls von FUSS e.V. zur Stärkung des Problem­bewusstseins hoch bewertet um die Überwindung einer eher autoorientierten Grundstimmung zu unterstützen.

Projekt-Konzept für die Stadt Jena

FUSS e.V., Herzog-Schlagk

Inhaltliche Schwerpunkte des Fußverkehrschecks in der Stadt Jena sollen nach der ersten Gesprächsrunde (PDF) im Dezernat für Stadtentwicklung und Umwelt (Fachdienst Stadtumbau und Infrastruktur) am 19. Januar 2017

  • die Gegebenheit für Fußgängerinnen und Fußgänger in der Achse entlang der Wegeführung an der Saale östlich der Bahnlinie und der stark befahrenen Straßenverbindung westlich der Bahnlinie sowie
  • die fußverkehrsrelevanten Querverbindungen zwischen dem Grünzug an der Saale und der Innenstadt

sein. Diese Vorgabe bezieht sich auf den Abschnitt „Die Innenstadt und die Stadtteilzentren – attraktiv und hochwertig gestaltet“ im Entwurf der Leitlinien Mobilität: „Der Straßenring um das Zentrum ist zu Fuß umwegfrei, wartezeitarm, sicher und barrierefrei überquerbar.“(10) Dazu wurde bereits ein 1. Fußverkehrscheck der Verkehrsachse östlich der Innenstadt (PDF)als Mängelanalyse mit verschiedenen Lösungsansätzen und einem Fazit durchgeführt. Auszüge aus den Ergebnissen wurden bei einer zweiten Ortsbegehung mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Verwaltung, aus Verbänden und örtlichen Gremien diskutiert. Eine Protokoll-Zusammenfassung finden Sie unter 2. Fußverkehrscheck.

Darüber hinaus wünschte sich die Stadtverwaltung,

  • das Problembewusstsein zu schärfen und richtigzustellen, dass der Fußverkehr den anderen Verkehrsteilnehmern nichts wegnimmt, sondern ganz im Gegenteil einen Lösungsansatz für zahlreiche städtische Probleme darstellt, z.B. zur Erreichung der Vorgaben der Klimaschutzpolitik, der europäischen Grenzwerte für Luftschadstoffe und Lärm, der Barrierefreiheit, des Kinderschutzes, der Verkehrsunfälle, usw. sowie
  • ganz allgemein das Interesse für die nachhaltigen Verkehrsarten zu wecken.

Hierzu war der gesprächsfördernde Workshop: Jena – Wo stehen wir und wo wollen wir hin? (PDF) ein innovativer Baustein des Projektes.

Im Jahr 2017 sind weitere Schritte geplant.

Quellen:

  1. Stadt Jena, Dezernat für Stadtentwicklung und Bauwesen (Auftraggeber): Stadt Jena – Verkehrsentwicklungsplan VEP 2002, Ingenieurgemeinschaft Schnüll Haller und Partner, Hannover (Auftragnehmer)
  2. Vgl. „Thesen für die Leitlinien Mobilität in Jena 2030 als Grundlage für den Workshop am 20. April 2015“
  3. Stadt Jena, Dezernat für Stadtentwicklung und Umwelt, Fachbereich Stadtumbau, Team Verkehrsplanung und Flächen (Auftraggeber): Verkehrsentwicklungsplan - Leitlinien Mobilität in Jena 2030, Entwurf Stand 30.11.2015, plan.publik, Prof. Karl Heinz Schäfer (Auftragnehmer)
  4. Diese und weitere Informationen, die nicht als Zitat gekennzeichnet sind, wurden aus dem Bewerbungsschreiben der Stadtverwaltung vom 11.08.2016 entnommen.
  5. Leitlinien Mobilität in Jena 2030, 3.2 Qualitäts- und Handlungsziele, S.10-12
  6. Leitlinien Mobilität in Jena 2030, 4.1 Strategie 1: Förderung der Nahmobilität im Umweltverbund, S.14
  7. Höchste Stufe des europäischen Gütezertifikates für die Nachhaltigkeit der Energie- und Klimaschutzpolitik der Kommunen, siehe www.european-energy-award.de
  8. Bundeswettbewerb zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs, ausgeschrieben vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, siehe www.kommunalwettbewerb.de
  9. Jenaer Umweltpreis siehe www.schritt-fuer-schritt.net
  10. Leitlinien Mobilität in Jena 2030, Blickwinkel 4, S.9